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Drei Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration

Veröffentlicht am: 01.01.2019

 

Nachdem auch der Bundesrat den Beschluss des Bundestages im Dezember billigte, steht fest: Bis zum 31.12.2020 ist die betäubungslose Kastration von Ferkeln in der Schweinemast noch erlaubt [1]. Ursprünglich war ein Ende dieser Praxis Ende Dezember 2018 geplant. Begründet wurde die Fristverlängerung unter anderem damit, dass bisherige Alternativen nicht ausreichend akzeptiert seien [2]. Stimmt das?

Hintergrund

Ferkel werden kastriert, um den sogenannten Ebergeruch zu vermeiden. Er tritt bei einem (kleinen) Teil des Eberfleisches auf, wenn dieses erhitzt wird. Der Geruch selbst wird von Menschen als unangenehm empfunden und steht so einer Vermarktung des Fleisches entgegen. Die betäubungslose Ferkelkastration ist das gängige Verfahren, Ferkel bis zu einem Lebensalter von sieben Tagen ohne Narkose chirurgisch zu kastrieren. Dieses Vorgehen steht allerdings dem Tierwohlkriterium der Abwesenheit von Schmerzen durch Managementprozeduren entgegen. Die drei in Rede stehenden Alternativen sind die Immunokastration, die Chirurgische Kastration mit Betäubung sowie die Ebermast.

Immunokastration

Im Rahmen der Immunokastration wird die Produktion der für den Ebergeruch verantwortlichen Geschlechtshormone unterdrückt. Dazu werden die Tiere zweimal mit einem Abstand von vier Wochen mit einem Tierarzneimittel geimpft, wobei die letzte Impfung vier bis sechs Wochen vor der Schlachtung erfolgen muss. So wird die Hodenfunktion, die den Ebergeruch verursacht, unterdrückt [3]. Statt wie bisher mit einem Gewicht zwischen 100 und 120 kg werden geimpfte Tiere allerdings bereits geschlachtet, sobald sie 80 kg wiegen. Bedenken bestehen bei diesem Verfahren vor allem auch hinsichtlich der Verbraucherakzeptanz. Auch wenn aus wissenschaftlicher Sicht die Immunokastration die bevorzugte Alternative ist [4]

Chirurgische Kastration mit Betäubung

Die chirurgisch durchgeführte Kastration bei Schmerzausschaltung durch Betäubung ist in drei Varianten denkbar, nämlich

  • als Inhalationsnarkose,
  • Injektionsnarkose sowie
  • als Kastration unter lokaler Betäubung [5].

Das Problem: Nach heutiger Gesetzeslage darf diese Art der Kastration nur durch Tierärzte durchgeführt werden. Dies verursacht für die Erzeuger zusätzliche Kosten.

Ebermast

In der Ebermast werden auf Eingriffe am Tier verzichtet, es werden also intakte Eber gemästet. Die Futterverwertung dieser Tiere kann sogar besser ausfallen als bei Börgen (kastrierten Schweinen), allerdings stellen sie höhere Anforderungen an Haltung und Management. Zudem erfolgt die Schlachtung ebenfalls bei einem geringeren Gewicht. Ferner muss geruchsbelastetes Fleisch im Schlachtprozess identifiziert und aussortiert werden.

Wie beurteilen Stakeholder der Nutztierpolitik die Alternativen?

Besonders in der Bundestagsdebatte im November war vielfach von mangelnder Akzeptanz der drei beschriebenen Ansätze die Rede. Grund genug, sich die Urteile verschiedener Stakeholder der Nutztierpolitik zu diesen Alternativen einmal näher anzusehen.

Im Rahmen des Forschungsprojekts AniFair haben wir mehr als 35 standardisierte Interviews mit Vertretern solcher Stakeholder-Organisationen geführt. Dabei handelt es sich um die einflussreichsten Akteure der deutschen Nutztierpolitik. Neben allen Bundestagsfraktionen umfasst die Studie beispielsweise auch Interessenverbände der Landwirtschaft oder Tier- und Umweltschutzorganisationen.

Im dritten Teil des Interviews baten wir alle Organisationen, jede der drei Alternativen auf einer Skala von 1 „Gar nicht sinnvoll“ bis 5 „Sehr sinnvoll“ zu bewerten.

Verteilung der Skalen-Werte von 1 bis 5 anhand eines Dichteplots

Abb. 1: Antworten zur Frage, wie sinnvoll die drei Alternativen sind. Die Kurven zeigen die Verteilung der Skalen-Werte anhand eines Dichteplots. Quelle: Eigene Darstellung

Wie in Abbildung 1 unschwer zu erkennen, wurde die Ebermast dabei überwiegend mit 3 bewertet. Die 3 bildet den Mittelpunkt der Skala, anders gesagt: Die Stakeholder sind überwiegend eher unentschlossen, was dieses Verfahren anbelangt. Nichtsdestotrotz deutet die Kurve auf eine leichte Tendenz zur positiven Bewertung des Verfahrens hin. Immerhin finden sich mehr Werte über als unter 3.

Eindeutig positiv werden die Kastration unter Betäubung sowie die Immunokastration bewertet, die jeweiligen Verteilungen (blau und grün) haben ihren Schwerpunkt im Skalenraum zwischen 3 und 5. Demnach erscheint die Akzeptanz für diese beiden Alternativen höher als für die Ebermast.

Balkendiagramm der Gruppenmittelwerte

Abb. 2: Gruppenmittelwerte. Quelle: Eigene Darstellung

Natürlich gibt es hinsichtlich der Stakeholder-Gruppen Unterschiede: In der Gruppe der Landwirtschaft und Tierproduktion wird die Kastration unter Betäubung bevorzugt, während Immunokastration und Ebermast eher nicht sinnvoll bewertet werden. Bei der Fleischwirtschaft findet sich ein ähnliches Muster, wobei die Ebermast sogar etwas besser als die Immunokastration bewertet wird. Hier scheinen sich die in [4] geäußerten Bedenken hinsichtlich der Verbraucherakzeptanz niederzuschlagen. Der Lebensmitteleinzelhandel scheint ebenfalls die Kastration unter Betäubung zu bevorzugen.

Dabei stehen Verbraucherschutz-Organisationen der Immunokastration im Durchschnitt positiver gegenüber als der Kastration unter Betäubung oder der Ebermast. Auch die Bundesverwaltung ebenso wie wissenschaftliche Organisationen halten die Immunokastration für die sinnvollste Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration, während die Kastration unter Betäubung eher abgelehnt wird. Dafür wird letztere von den Fraktionen am besten bewertet. Auch Vertreter der ökologischen Landwirtschaft halten sie für sehr sinnvoll. Tier- und Umweltschutzorganisationen hingegen befürworten die Ebermast.

Wie geht es nun weiter?

Alles in allem betrachtet halten die Stakeholder der deutschen Nutztierpolitik zumindest Kastration unter Betäubung und Immunokastration überwiegend für sinnvoll, auch wenn sie bei der Ebermast mehrheitlich unschlüssig scheinen. Welches Verfahren am positivsten bewertet wird, hängt allerdings von der Gruppe der Stakeholder ab, wie der Vergleich der Mittelwerte gezeigt hat. Der Agribusiness-Sektor, also Erzeuger, Verarbeiter und Handel, präferieren die Kastration unter Betäubung, während Verwaltung und Wissenschaft sich für die Immunokastration stark machen, ebenso wie die Verbraucherschützer. Geht es nach Tier- und Umweltschutz, würde allerdings auf Eingriffe am Tier verzichtet.

Zu sagen, keine der drei Alternativen sei so richtig akzeptiert, ist also so nicht ganz richtig. Vielmehr unterscheidet sich die Akzeptanz der einzelnen Verfahren hinsichtlich der Zugehörigkeit zu bestimmten Anspruchsgruppen. Da mit dem Verbot der betäubungslosen Kastration nicht zwingend eine Alternative vorgeschrieben werden muss, erscheint die Verlängerung der Frist erst einmal unnötig. Allerdings müssen sich alle Beteiligten darüber verständigen, welche Verfahren zu welchen Rahmenbedingungen zugelassen werden und wer welche Prozeduren durchführen darf.

Spannend wird es aber auch bei der Frage, wer für die zusätzlichen Kosten der jeweiligen Verfahren aufkommt. Bleiben Erzeuger auf ihren Kosten sitzen oder wird der Verbraucher bereit sein, mehr zu zahlen? Dazu muss er allerdings auch besser informiert sein. Der Mehrwert muss für ihn erkennbar sein. Agribusiness, Wissenschaft und politische Akteure sind also gefordert, die Verfahren und Zusammenhänge besser zu erläutern.

Dann klappt es dieses Mal vielleicht mit dem Ende der betäubungslosen Kastration.

Quellen

[1] https://www.topagrar.com/schwein/news/kastration-bundestag-stimmt-fristverlaengerung-zu-10119363.html

[2] https://dbtg.tv/fvid/7296544

[3] Tatjana Sattler und Friedrich Schmoll (2012): Impfung oder Kastration zur Vermeidung von Ebergeruch – Ergebnisse einer repräsentativen Verbraucherumfrage in Deutschland. Journal für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (7):117-123.

[4] Friedrich-Loeffler-Institut (2018): Impfung gegen Ebergeruch – tierschutzfachlich der beste Weg. Empfehlung. Download

[5] https://www.landwirtschaft.de/diskussion-und-dialog/tierhaltung/ferkelkastration-ohne-betaeubung-was-sind-die-alternativen/

Weiterführende Links

Projektseite AniFair

Deutschlandfunk: Interview mit Karl-Heinz Waldmann von der tierärztlichen Hochschule Hannover zu den Alternativen

Autor

Michael Grunenberg ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kiel und promoviert am Institut für Agrarökonomie zum Thema Gesellschaft und Tierwohl.