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Wählen für den Klimaschutz?

Veröffentlicht am: 18.04.2019

 

Ob Fridays for Future, Scientists4Future [1] oder das Klimakabinett [2] – der Klimaschutz ist ein Dauerbrenner. Während einige den menschengemachten Klimawandel generell bezweifeln, diskutieren die meisten Menschen über die richtige bzw. optimale Klimaschutzpolitik. Eine prominente Rolle spielt dabei die Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen. Das Ziel der deutschen Bundesregierung ist dabei eine Reduzierung auf 562 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent [3]. Aber spiegelt sich der Protest der Straße und die durch die öffentliche Berichterstattung implizierte Wichtigkeit des Themas auch in der Wahlwahrscheinlichkeit wieder?

Determinanten der Wahlentscheidung

Eine zentrale Hypothese der ökonomischen Theorie der Politik [4] ist die Annahme, dass Wähler die Partei wählen, von deren Politik sie sich den größten Nutzen versprechen. Stellen wir uns vor, dass sich die Position von Parteien und Wählern zum Thema Klimaschutz in einer Dimension abbilden lassen. In den seltensten Fällen stimmen die Idealposition eines Wählers und die einer (oder mehrerer) Partei(en) überein. Folglich wird sich ein Wähler für eine Partei entscheiden, die seiner Position am nächsten ist [5]. Diesem politikorientierten Wählen stehen noch zwei andere Wahlmotive gegenüber: Zum einen spielt auch die Beurteilung der Regierungsleistung in einem bestimmten Politikfeld eine Rolle (retrospektives Wählen). Zum anderen bestimmen sozioökonomische Faktoren (z.B. Alter, Einkommen) und ideologische Komponenten (z.B. Parteiloyalität), wie wir wählen.

Wie sensibel Wähler auf eine Veränderung der Distanz zwischen sich und einer Partei reagieren, messen wir anhand sogenannter marginaler Effekte: Sie geben an, wie stark die Wahlwahrscheinlichkeit variiert, wenn sich die Distanz um eine Einheit verändert. Dieses Maß ist aber auch für retrospektive und ideologische Variablen anwendbar.

Studie

Im Rahmen des Projekts Bio-PoP haben wir etwa 1000 Personen zum Thema Nachhaltigkeit befragt. Neben der Frage, welche Partei die Teilnehmer wählen würden, wenn am nächsten Tag Bundestagswahl wäre, beinhaltet die Studie auch Fragen zur eigenen Position in spezifischen Fragen zur Nachhaltigkeit (aus den Bereichen Umwelt/Ökologie, Soziales und Ökonomie). Neben der eigenen Position haben wir auch nach der Einschätzung der im Bundestag vertretenen Parteien gefragt. Somit konnten wir die Distanzen zwischen Probanden und Parteien berechnen, die dann neben retrospektiven Variablen und sozioökonomischen Faktoren in unser ökonometrisches Modell eingeflossen sind.

Auf Basis des Modells haben wir die Wahlwahrscheinlichkeiten für die Parteien AfD, FDP, Grüne, Linke und CDU/CSU sowie die Nicht-Wahl sowie die entsprechenden marginalen Effekte berechnet.

Klimaschutz als (politischer) Treiber der Wahlentscheidung

Die aus dem geschätzten Modell berechneten marginalen Effekte zeigen ein klares Bild: Eine Veränderung der Distanz zwischen Wähler und Partei in der Frage der Emissionsreduzierung um eine Milliarde Tonnen führt zu einer Veränderung der Wahlwahrscheinlichkeit um bis zu 0,589. Damit ist das Thema Klimaschutz – verglichen mit allen anderen untersuchten Themen – der stärkste Faktor im politischen Raum. Betrachtet man die Wahrscheinlichkeit je Partei, finden wir aber deutliche Unterschiede. Abbildung 1 zeigt die Median-Werte der marginalen Effekte für die im Bundestag vertretenen Parteien sowie die Entscheidung, nicht zu wählen (NOTVOTE). Letztere reagiert insgesamt am schwächsten auf eine Distanzänderung.

Sieben Balken zeigen die Median-Werte für den marginalen Effekt von Klimaschutz auf die Wahlwahrscheinlichkeiten der Parteien

Abb. 1: Durchschnittlicher marginaler Effekt Klimaschutz je Partei

Wenig überraschend ist die Sensibilität der Wahrscheinlichkeit, seine Stimme den Grünen zu geben, gehören die Themen Umwelt- und Klimaschutz quasi zur Gründungs-DNA der Partei. Der Median für die Wahrscheinlichkeit, diese Partei zu wählen, beträgt 0,145 und liegt damit deutlich vor den Unionsparteien (0,113) und der SPD (0,075). Die Wahrscheinlichkeiten von FDP und AfD reagieren (fast) gleich.

Ein Faktor hat jedoch einen stärkeren Effekt als der Klimaschutz: Die Verbundenheit zur Partei. Als Teil der ideologischen Komponente der Wahlentscheidung haben wir auch die Identifikation mit einer Partei berücksichtigt.

Sieben Balken zeigen die Median-Werte der Marginalen Effekte der Parteien-Verbundenheit

Abb. 2: Durchschnittlicher marginaler Effekt Parteiverbundenheit je Partei

Auch hier haben die Grünen die Nase vorn: Der Median liegt für diese Partei bei 0,219 und ist damit 1,5 mal stärker als der durchschnittliche Klimaeffekt. Interessanterweise ähneln die relativen Verhältnisse der Parteien denen des politischen Komponente Klimaschutz, inklusive des gleichen Niveaus für AfD und FDP.

Um auf die eingangs aufgestellte Frage zurück zu kommen: Ja, Klimaschutz spielt auch in dem basisdemokratischen Prozess des Wählens eine Rolle. Die Wahlentscheidung für oder gegen eine Partei wird maßgeblich von der Distanz zwischen ihr und den Wählern in der Frage um die Treibhausgas-Reduzierung beeinflusst. Vergleicht man diesen Effekt allerdings mit der ideologischen Komponente „Parteiloyalität“, so überwiegt letztere. Würden Wähler also nur politikorientiert wählen, so wäre Klimaschutz (zurzeit) die wichtigste Streitfrage, mit der sich Wahlen gewinnen oder verlieren lassen.

Quellen:

[1] Deutschlandfunk Kultur: Wissenschaftler unterstützen Schülerproteste

[2] Tagesschau: Koalition formt ein Klimakabinett

[3] BMU (2019): Klimaschutzbericht 2018 zum Aktionsprogramm Klimaschutz 2020 der Bundesregierung. Online verfügbar.

[4] A. Downs (1957): An Economic Theory of Democracy. New York: Harper and Row.

[5] J.F. Adams., S. Merrill III und B. Grofman (2005): A Unified Theory of Party Competition. Cambridge: Cambridge University Press.

Weiterführende Links

Projektseite Bio-PoP

Autor:

Michael Grunenberg ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kiel und promoviert am Institut für Agrarökonomie zum Thema Gesellschaft und Tierwohl. Seine Forschungsinteressen liegen in der politischen Ökonomie, politischen Soziologie und der Rolle von policy beliefs. Dabei konzentriert er sich auf die Themen Nachhaltigkeit und Landwirtschaft.